Zu Besuch bei Holocaustüberlebenden
Persönliche Eindrücke von ICEJ-Mitarbeitern in Pardes Hanna
Juni 2009 ICEJ-Nachrichten
Vor über zwei Jahren wurde bekannt, dass mehr als ein Drittel der
250 000 israelischen Holocaustüberlebenden unterhalb der Armutsgrenze leben - eine Statistik die aufrüttelt. Gemeinsam mit der israelischen Hilfsorganisation L’Chaim rief die ICEJ-Sozialabteilung daraufhin ein Adoptionsprogramm für Holocaustüberlebende ins Leben. Durch monatliche Spenden von Christen, die einen Überlebenden „adoptieren“ wird nun sichergestellt, dass die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln gewährleistet ist und Arztrechnungen bezahlt werden können.
Fast 40 Überlebenden, meist im Norden des Landes, profitieren bereits von diesem Programm, das auch regelmäßige Besuche von jungen israelischen Studenten beinhaltet. Die ICEJ-Mitarbeiterinnen Yudit Setz und Nathalie Charron konnten sich vor kurzem persönlich von der segensreichen Wirkung dieses Programms überzeugen. Lesen Sie hier ihren Erlebnisbericht aus Pardes Hanna, südlich von Haifa.
Herzlicher Empfang bei Esther
Zuerst besuchen wir Esther. Als wir ankommen, hält gerade ein Minibus vor dem Haus. Mehrere dynamische und fröhlich grinsende junge Männer springen heraus. Sie kommen aus Katzrin, ungefähr eine Autostunde entfernt. Dort studieren sie an der Akademie, mit der unsere israelische Partnerorganisation L’Chaim verbunden ist.
Heute besuchen sie „ihre“ Holocaustüberlebenden, so wie sie es alle zwei Wochen tun. Zu zweit machen sie sich auf den Weg und wir folgen den beiden, die Esther besuchen. Die jungen Männer tragen Tüten mit frischen Früchten und Gemüse die steilen Treppen zu der kleinen Wohnung hinauf. Esther nimmt uns alle herzlich in Empfang.
Das Leid hinter dem Lächeln
Wir können ihr die Freude abspüren, die sie über den Besuch der jungen Leute empfindet. „Sie sind wie meine eigenen Söhne…“ sagt sie lächelnd. Vor 20 Jahren hat Esther, deren gesamte Familie im Holocaust getötet wurde, ihren Mann verloren. Seitdem war sie sehr einsam, bis das Adoptionsprogramm ihr eine so fröhliche Gesellschaft bescherte. Die Interaktion mit den jungen Freiwilligen hat therapeutische Wirkung. Obwohl sie fast blind ist und aufgrund ihrer Unterernährung als Kind unter vielen gesundheitlichen Problemen leidet, ist sie munter und gesprächig.
Hinter ihrem Lächeln und ihrer Freude liegen Jahre unvorstellbaren Leidens. Während des Krieges mussten sich Esther und ihr Vater auf verschiedenen Friedhöfen verstecken. Nachts gruben sie sich selbst ein, um nicht entdeckt zu werden. Der Hunger war ihr ständiger Begleiter, nur ab und zu gelindert durch ein Stück Brot.
Wohltuende Abkühlung und notwendige Hilfe
Esther zeigt uns die neue Klimaanlage, die dank des Adoptionsprogramms bei ihr eingebaut werden konnte. Nach zwei Herzinfarkten seit 1992 kann sie nun die heißen israelischen Sommer viel besser überstehen. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme sind Esthers Arztrechnungen sehr hoch, doch jetzt kann sie diese bezahlen und muss nicht länger zwischen Nahrungsmitteln und Medizin wählen. Wir genießen den kurzen Besuch bei ihr, überreichen ihr ein kleines Geschenk und lassen sie in der guten Gesellschaft ihrer „Jungs“ zurück.
Ruth - gerettet durch den Kindertransport
Als nächstes steuern wir Ruths Appartement an. Der Besuch ihrer beiden Studenten bereitet der alten Dame offensichtlich große Freude. Auf dem Tisch stehen liebevoll angeordnet eine Kanne Tee, Früchte und ein leckerer Kuchen, den sie extra für die jungen Männer gebacken hat. Wir bemerken die herzliche Beziehung zwischen ihr und den Studenten – und wir ihre Lebensgeschichte sie beeindruckt und berührt.
Ruth wurde in Deutschland geboren und während des Krieges von ihrer Familie getrennt. Ihre Mutter schickte sie und ihre ältere Schwester auf einen Kindertransport nach England, wo eine begrenzte Anzahl jüdischer Kinder Zuflucht fand. Dort lebten sie in einem Waisenheim, litten jedoch zu allem Übel unter vielen Misshandlungen.
Lebendig und großzügig - trotz schwerer Verluste
Ruths Mutter und jüngere Schwester wurden unterdessen zunächst in ein Übergangslager und dann nach Kovno in Litauen gebracht. Während eines dortigen Massakers wurden beide ermordet. „Meine Mutter wurde am Rande eines Massengrabes erschossen“, erzählt sie uns. Eifrig gleiten ihre Finger über die Seiten eines Familienalbums. „Das ist mein Onkel, der im Krieg getötet wurde…hier bin ich mit meiner Schwester im Waisenhaus…“
Obwohl Ruth in ihrem Leben viel Ablehnung erfahren hat, ist sie mit ihren 77 Jahren ein erstaunliches Bild an Lebendigkeit und Großzügigkeit. In den 1950er Jahren wanderten sie und ihr Ehemann, ebenfalls ein Holocaustüberlebender, nach Israel ein und lebten in einem Kibbutz. Als Ruth 36 Jahre alt war, starb ihr Mann. Sie erlebte als junge Witwe viel Ablehnung im Kibbutz und zog schließlich nach Pardes Hanna-Karkur. Dort traf sie einen Witwer, die beiden heirateten und lebten gemeinsam in Pardes Hanna, bis er vor 14 Jahren starb. In seinem Testament hatte er ihr das Haus bis zu ihrem Lebensende vermacht.
Hilfe bei rechtlichen und emotionalen Schwierigkeiten
Seine Kinder aus erster Ehe, die unter ihr wohnen, machen ihr jedoch ihren Anteil am Haus streitig und wollen sie hinaus werfen. Da ihre Entschädigungszahlungen aus Deutschland in den Kibbutz flossen, kann sie es sich jetzt nicht mehr leisten auszuziehen. Aufgrund der Feindseligkeiten im eigenen Haus, ihrer Armut und Einsamkeit nach dem Tod ihresMannes fühlte sie sich sehr verlassen und verzweifelt. Das Adoptionsprogramm hat Ruth wieder Hoffnung und Lebensfreude gegeben. Zusätzlich zur normalen Versorgung hilft L’Chaim ihr auch bei ihren rechtlichen und emotionalen Schwierigkeiten.
Als bei Ruth kürzlich Brustkrebs diagnostiziert wurde, erklärte sie mit Blick auf das Adoptionsprogramm: „Seit Sie in mein Leben gekommen sind, fühle ich mich nicht mehr allein und verlassen.“
Adela: Taten sagen mehr als Worte
Wir beschließen unsere Visite in Pardes Hanna-Karkur mit einem Besuch bei Adela. Die Studenten haben dort hart gearbeitet, um ihren Garten von Unkraut und Dornen zu befreien. Trotz der harten Arbeit sehen sie sehr munter aus. Adela freut sich immer über ihren Besuch, und die Arbeit der Jungen macht sie glücklich.
Wir treffen auf Schachar, den Rabbiner, der die Studenten bei ihren Besuchen begleitet. „Sie sollen nicht nur die Tora studieren, sondern sie auch praktisch umsetzen“, sagt er mit einem breiten Grinsen.
Es war ein wunderschöner Tag! Es ist immer wieder ein Privileg, die Überlebenden zu treffen, ihre Geschichten zu hören und ihre Freude über ihre neuen Helfer und Freunde zu spüren. Wir haben auch gesehen, was dieses Projekt so einzigartig macht. Die jungen Männer in Aktion bringen Freude und Schwung in das Leben der Alten. Die Studenten lernen ihrerseits, Verantwortung für die Überlebenden zu übernehmen - und sie erfahren viel Wertvolles und Nachdenkenswerte über die Vergangenheit.
Hilfe für Ruth
Die ICEJ-Sozialabteilung hat wenige Tage nach unserem Besuch erfahren, dass bei Ruth Brustkrebs diagnostiziert wurde. Eine Amputation ist dringend erforderlich. Nach der Operation muss sie sich zwei Monate lang Bestrahlungen unterziehen. Allein die Taxikosten zum 40 km entfernten nächsten Krankenhaus betragen 150 Euro die Woche.
Solche plötzlich auftretenden Bedürfnisse sind häufig bei unseren Überlebenden, werden jedoch nur teilweise vom Adoptionsprojekt gedeckt. Deshalb haben wir einen „Allgemeinen Hilfsfond für Holocaustüberlebende“ eingerichtet, der es uns ermöglicht, den Adoptierten in dringenden Fällen zu helfen, über das hinaus, was sie sonst regelmäßig von uns erhalten.
Gerade für Personen, die sich eine Adoption, d.h. die regelmäßige Unterstützung eines Überlebenden, nicht leisten können, bietet dieser allgemeine Hilfsfond eine wunderbare Möglichkeit, sich dennoch an der Hilfe für die Überlebenden zu beteiligen. Bitte unterstützen Sie den Hilfsfonds durch Ihre Spende, vielen Dank!
Weiterführende Informationen zum Adoptionsprogramm unter info@icej.de
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